SMARAGDWELT

Die Welt der Möglichkeiten


21. Juni 2013

Ätsch, und wieder daneben!

 

Ich lebe meine kreative Ader auf vielerlei Arten aus. Eine davon ist das Rollenspiel.

 

Von diesem Teil meines Lebens berichte ich euch in meinem ersten Blog.

 

Stellt euch vor, ein eiskalter Dezembertag im Wien des Jahres 1984. Mit entschlossenen Mienen wälzten sich die kaufwütigen Konsumenten durch die verstopften Einkaufsstraßen der Stadt. Verzweifelt kämpfte ich mich durch die bedrohlich wirkende Horde, auf der Suche nach einem Geschenk für meinen kleinen Neffen.

In Gedanken war ich noch immer bei dem Dessous, das ich für meine Freundin besorgt hatte. Ich stellte sie mir gerade vor, wie sie sich in dem Hauch von einem Höschen und dem Spitzen-BH vor mir rekelte. Mit dieser süßen Fantasie stolperte ich in die Spielwarenabteilung des Kaufhauses.

Und da sah ich sie.

 

Die Box des Schwarzen Auges.

 

Ein magischer Augenblick. Eine Liebe fürs Leben.

Sie musste ich in meinen Besitz bringen! Koste es, was es wollte!

Zum Glück geriet ich nicht in die Fänge eines cleveren Verkäufers. Dieser hätte mir in diesem Moment alles von DSA verkaufen können. Von der Unterhose mit einer Orkfratze auf dem Hinterteil, über dem geschrieben stand: Ja, ich wische auch nicht! - bis zu einem riesigen Schaumstoffwürfel, der meine halbe Wohnung ausgefüllt hätte.

 

Das war meine Welt. Von der ersten Zeile an, die ich über das Rollenspiel las, wusste ich es.

 

Noch vor dem Weihnachtstag gelang es mir arglistig Kurt und Roman, zwei meiner besten Freunde, zu mir zu locken. Ich kann Menschen begeistern. Das ist eine Gabe.

So kamen die beiden bereits mit einer gewissen Vorfreude in meine Wohnung. Sie ahnten es noch nicht, doch sie hatte sich wundersamer Weise verwandelt. In die Schicksalsstube des Meisters!

 

Alles begann wunderbar. Krieger Roman und Zwerg Kurt mussten eine holde Maid aus der Gefangenschaft von Orks befreien. Beim Meister und bei den Spielern war der Enthusiasmus auf dem Höhepunkt.

Subtiles Vorgehen stand nicht auf der Tagesordnung, also zertrümmerten die frisch gebackenen Abenteurer die Eingangstür, und da sie schon dabei waren, hackten sie gleich das Mobiliar im Raum dahinter ebenfalls zu Kleinholz.

 

Der Enthusiasmus des Meisters sank von Zimmer zu Zimmer, welche die brutalen Helden genüsslich in Schutt und Asche legten. Die Spieler aber waren glücklich und das zählte schließlich.

 

Nach etwa einer halben Stunde bekam jedoch auch ihr Enthusiasmus einen ersten Dämpfer.

 

Meister: „Ihr betretet einen Raum mit einem großen Eichenholzschreibtisch, auf dem ein Totenkopf neben einem Folianten liegt. Dahinter seht ihr einen Schrank, auf dessen Türen je ein Drachenkopf prangt.“

Krieger Roman meldet sich zu Wort: „Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Waren wir da nicht schon mal?“

Zwerg Kurt assistiert: „Ja, in diesem Zimmer waren wir schon. Aber der Tisch ist jetzt kaputt.“

Krieger Roman lacht: „Hohoho, und der Schrank ebenso.“

Der Meister blättert in seinem Abenteuerbüchlein. Sekunden vergehen.

Der Meister blättert etwas hektischer. Weitere Sekunden vergehen.

Er räuspert er sich.

„Ähm, ja, stimmt. Das war in Raum Sieben. Öhm, jetzt seid ihr ja schon in Raum Neun. Also nochmal von vorne ...“

 

Kurz darauf endlich der erste Kampf. Mit Feuereifer flitzen die zwanzigseitigen Würfel des Schicksals über die mit Chipresten und Schokoladenkrümeln übersäten Tischoberfläche.

Meister: „17 ist zu hoch, Roman. Dein Attackewert beträgt nur 9.“

Zwerg Kurt versucht es besser zu machen. Doch auch 13 bedeutet keinen Erfolg.

Der Meister geht ganz in der Rolle des Schurken auf. Endlich kann er die Helden nach Herzenslust verhöhnen.

„Ha, elende Versager, mit einem kampferfahrenen Ork könnt ihr Jammerlappen es nicht aufnehmen.“

Doch auch der Schlag des Orks geht ins Leere.

Als die Helden nicht und nicht treffen wollen, reizt sie der Spielleiter noch eine Weile: „Daneben. Und wieder daneben. Ätsch, und schon wieder daneben.“

Etwas später hörte es sich schon anders an: „Mann, das gibt’s ja nicht. Du hast doch eben schon eine 11 gewürfelt. Wann trefft ihr denn einmal?“

Der Würfel hetzt weiterhin unermüdlich um Chipreste und Schokoladenkrümel herum, die Fehlschläge summieren sich, der Kampf zerrt an den Nerven aller.

Als Krieger Roman schließlich eine 7 würfelt, jubelt selbst der Meister, der sich inzwischen auf die Seite der Spieler geschlagen hat, denen die Langeweile ins Gesicht geschrieben steht.

„Ist er jetzt tot?“, fragt der Held hoffnungsfroh.

„Warte, ich muss noch die Parade würfeln.“

Beträgt ja nur 5. Der Ork wird doch nicht … doch er wird. Genau eine 5. Gar nichts ist passiert. Die Würfelorgie geht weiter.

Viele, viele, viele Minuten später.

Zwerg Kurts Treffer wurde nicht pariert, triumphierend rollt er den Sechsseitigen, um den Schaden zu ermitteln.

„Oje, nur eine 1.“, seufzte der Spieler.

„Warte“, tröstet ihn der Meister. „Da kommt ja noch eine 3 für den Grundwert des Säbels hinzu. Das macht 4. Hmm, ja, und davon muss ich den Rüstungswert abziehen. Der beträgt auch 3. Also du hast ihm einen Schadenspunkt zugefügt. Er hatte 8 Lebenspunkte. Jetzt nur noch 7.“

Von Enthusiasmus war zu diesem Zeitpunkt keine Spur mehr.

Der Meister stellte an diesem Tag fest, welch gute Freunde Roman und Kurt wirklich waren. Sie hielten eisern durch. Zum Glück hatte der Meister einen nimmerleeren Chipsbeutel für diesen Abend vorbereitet.

 

Mehrere Stunden und viele öde Kämpfe später sind die Spieler jedoch verzweifelt.

„Verdammt“, sagen sie fast im Chor. „wir haben doch alles in diesem Haus abgesucht. Hier ist die blöde Maid gar nicht.“

„Ach was“, versucht sich der Meister als Animator. „gebt nicht so schnell auf. Noch habt ihr nicht alles gesehen.“

„Doch!“, meint Roman unbeirrt und zeigt dem Meister den zwar etwas windschiefen, aber doch vollständig gezeichneten Plan.

Der Meister schluckt. Oje, als die Spieler vor mehr als einer Stunde das Bett dort in der Kammer zur Seite geschoben hatten, hätte er ihnen einen Hinweis auf die Geheimtür geben sollen. So werden sie das verborgene Versteck natürlich in hundert Jahren nicht finden.

Schnell improvisiert der Meister, die hübsche Maid wird hinaus in die Freiheit geschubst, die Spielrunde löst sich auf, stillschweigend herrscht Einigkeit, dass man über diesen Abend nie wieder ein Wort verlieren wird.

 

Tja, so war das damals. Das ging gründlich in die Hose. Die Spielbox verschwand unter dem Bett und sollte eigentlich nie wieder angerührt werden. Monate später nahm ich doch einen zweiten Anlauf. Diesmal mit Spielern, die ich per Anzeige gesucht hatte. Ich dachte, wenn es wieder peinlich werden sollte, wäre es egal. Ich würde sie dann halt nie wieder sehen.

Diesmal klappte es jedoch besser. Und mit jedem Spieltag wuchs die Spielfreude.

Im Laufe der Jahre entstanden dann doch noch viele, viele, viele legendäre Spieltage, an die sich Spieler und Meister bis heute gerne erinnern.

Und heute kann ich, Roman und Kurt, sogar schon über den allerersten Spieltag lächeln. Zumindest ein wenig.

 

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